Wo hat der Green River Killer gelebt? Wo hat Gary Ridgway seine Opfer angesprochen und schließlich ihre Leichen abgelegt? Ich habe eine kmz-Datei mit allen wichtigen Schauplätzen erzeugt, welche in Todesmeile erwähnt werden.

  • die Orte, an denen die späteren Opfer laut Zeugen letztmals gesehen wurden
  • die Orte, wo die Green River Task Force die Leichen der Frauen fand
  • die einschlägigen Lokale und Motels auf dem Strip
  • Wohnorte und Arbeitsplatz des Täters Gary Ridgway zur Zeit der Mordserie.

Die kmz-Datei lässt sich mit der Software Google Earth oder Marble darstellen. Beide Programme sind kostenlos und lassen sich von der Seite des Herstellers herunterladen (jeweiligen Link benutzen).

Green River Killer - Locations (15.2 KiB, 192 downloads)

Der Sea-Tac Strip

Den Strip oder Sea-Tac Strip gibt es nach wie vor, allerdings heißt er heute nicht mehr Pacific Highway South, sondern International Boulevard. Ein Versuch der Politiker, die Erinnerungen an die alte Todesmeile aus dem Gedächtnis zu löschen. Das Gebiet zwischen dem Flughafen und der Autobahn Interstate 5 fasste man 1990 zu der neu gegründeten Kleinstadt SeaTac zusammen.

Der Strip umfasste einen rund 15 Kilometer langen Abschnitt zwischen Tukwila im Norden und Des Moines im Süden. Dort gesellten sich zu den Hotelketten am Flughafen billige Motelabsteigen, Massagesalons, Spielklubs, Striptease-Schuppen, Peepshows, Videotheken, Imbissbuden, Discount-Märkte und übelste Spelunken. Das volle Entertainment-Programm. Die Aussicht auf schnelles Geld lockte Glücksritter aller Art an. Und jede Menge Prostituierte. Ein kleinerer Teil von ihnen arbeitete in den exklusiveren Hotels. Sie spezialisierten sich auf die Geschäftsleute. Das Gros ging auf der Straße anschaffen.

1982 standen auf dem fünfzehn Kilometer langen Stück täglich mehrere Hundert Frauen, vorzugsweise ab vier Uhr nachmittags, wenn die Pendler nach Hause fuhren. Dann mühten sich in der Spitze stündlich 10.000 Wagen im Stoßverkehr über den Strip. Die Straßenprostituierten orientieren sich an dem, was die Fast-Food- und Drive-in-Kultur ihnen vorlebte. Der fleißige Lohnempfänger bekam hier noch schnell einen geblasen in der Rushhour, bevor es heimging zu Mutti und den Kindern. Wenn die Freier denn überhaupt Familie hatten. Auf dem Strip streunten jede Menge einsame Gestalten herum, wie die Polizei feststellen musste, denen jeglicher sozialer Halt verloren gegangen war.

Im Juli 1983 tobte auf dem Strip der Irrsinn. Die Zahl der Straßenprostituierten hatte sich seit dem Frühling stetig vergrößert. Wenn die Autos an den Ampeln hielten, setzten sich die Prostituierten auf die Motorhauben und rekelten sich provozierend vor den Windschutzscheiben. An den Straßenkreuzungen standen sie in Gruppen an allen vier Ecken, riefen den Fahrern eindeutige Bemerkungen nach und vollführten obszöne Mundbewegungen. Auf den Parkplätzen lungerten die Zuhälter, Drogendealer und Junkies herum und vertickten am helllichten Tag Drogen. Die Motels brachten Werbetafeln an, auf denen sie günstige Stundenpreise und Pornos zum Nulltarif anboten.

Die Beamten des Sittendezernats saßen derweil in einem Schnellrestaurant am Strip, schlürften ihren Kaffee und schauten dem wilden Treiben zu. Nach dem Green River Killer fragte schon lange keiner mehr. Der aufgeblasene Reichert sollte doch selber mal hier rauskommen, Nummernschilder von Freiern notieren und diese Irren befragen. Pfff.

Mittendrin in diesem Tohuwabohu geisterten einige völlig verstörte Menschen herum. Zum Beispiel der Vater von Marie Malvar. Er hatte inzwischen das Saufen begonnen. Das Gesundheitsamt hatte sein Restaurant dichtgemacht. Der Mann war fertig. Nachts fuhr er gemeinsam mit seiner Frau über den Strip. Jede Frau, die ihrer Tochter ähnelte, hielten sie an. Für ein paar Sekunden flackerte Hoffnung auf, die kurz danach zerstob. Die Mutter von Shawnda Summers war extra aus San Diego angereist. Sie ging auf den Strip und zeigte den Prostituierten und Freiern Fotos ihrer Tochter. Niemand schien sie zu kennen. Keinen kümmerte ihr Schicksal.

 Der Green River

Während Kraske telefonierte, ging Dave Reichert zurück zur Uferböschung. Er hielt Ausschau nach Fußspuren, abgebrochenen Zweigen oder Textilfasern, die sich womöglich in den Brombeersträuchern verfangen hatten. Irgendetwas, das auf den Täter hinwies. Aber der Mörder war vorsichtig. Das bewies er mit der Wahl dieses Ortes. Von der Frager Road, die oberhalb des Ufers verlief, war es unmöglich, die Leichen im Wasser zu erkennen. Das Gras war so hoch, dass selbst Reichert, der 1,85 Meter maß, bis zum Kopf darin verschwand. Dazu kamen die Brombeerbüsche, deren dichtes Blattwerk den Blick versperrte.

Dave Reichert fragte sich, wie der Täter bloß diese Böschung hinuntergelangt war. Mit einer Frauenleiche im Arm. Die Frauen wogen bestimmt zwischen fünfzig und sechzig Kilo. Der Abhang war nicht nur steil und voller Dornen, sondern auch glitschig. Am Boden konnte Reichert keine Schleifspuren erkennen. Der Mörder musste stark sein.

Reichert hatte seine Augen fest auf den Grund gerichtet. Er machte einen weiten Schritt, um über das Wurzelwerk einer Grasstaude zu steigen. Erst im letzten Augenblick bemerkte er, dass er dabei fast auf einen Körper getreten wäre. Vor ihm im hohen Gras lag eine dritte Frauenleiche. Eine Sekunde. Einen verrückten Moment lang dachte Reichert, einer der Polizisten hätte entgegen Kraskes Befehl den Leichnam vom Ufer hierher geschleppt, um dort unten Platz zu schaffen. Zwei Sekunden. Das ergab keinen Sinn, sagte sich Reichert. Absolut keinen Sinn. Drei Sekunden. Die Nachricht war endlich zu seinem Hirn vorgedrungen. Da direkt vor mir liegt tatsächlich eine weitere Leiche.

Er musste es herausschreien. Seine Stimme versagte. Er rief nochmals laut: Ich habe noch eine gefunden! Alle drehten sich zu ihm um und verstummten. Major Kraske schrie zurück: Bleib da. Und zu den übrigen Polizisten: Sichert die Stelle. Nur Reichert durfte sich innerhalb der Polizeiabsperrung bewegen. Oder genauer gesagt: Nicht bewegen. Bis der Gerichtsmediziner eintraf.

Das ist in etwa die Stelle, an der sich diese Episode ereignete und die Polizei am Nachmittag des 15. August 1982 drei Frauenleichen fand. Der Auftakt einer zwanzigjährigen Jagd nach einem Phantom namens Green River Killer. Tipp: Mit gedrückter linker Maustaste lässt sich das Bild auch drehen. Größere Kartenansicht