Gary Ridgway, 1982

Gary Ridgway, 1982
Quelle: King County Sheriff Department

Gary Ridgway suchte sich seine Opfer vor allen Dingen auf dem Straßenstrich am Sea-Tac Flughafen im Süden von Seattle. Die Straßenprostituierten waren in der Mehrzahl blutjunge Mädchen. Die Meisten nicht älter als 21, viele von ihnen gerade mal fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Sie waren von zu Hause ausgerissen und träumten von einem besseren Leben in der Großstadt. In Seattle wachten sie dann in der harten Realität auf. Auf dem Strip lockte das schnelle Geld. Ein Blowjob kostete zwanzig Dollar. Eine Nummer im Wagen einen Fünfziger. An einem einzigen Abend auf dem Strip konnte eine Prostituierte damals um die 300 Dollar verdienen. Theoretisch zumindest.

In der Praxis wanderte nur ein Bruchteil des erarbeiteten Geldes in ihre eigene Tasche. Den größten Teil der Einnahmen schnappte sich ihr Freund, der sich inzwischen längst als Zuhälter entpuppt hatte. Was übrig blieb, ging für Drogen drauf. Die armselige Habe einer Straßenprostituierten bestand aus knapper Kleidung, greller Schminke, Kondomen, einem Päckchen Zigaretten und etwas Wechselgeld. Meistens kassierten die Jungs, die sich als Zuhälter verdingten, doppelt ab und besorgten ihrem Mädchen den Stoff. Kokain, Amphetamine, Heroin, alles, was du brauchst, Baby. So wurde daraus ein Teufelskreis. Die Frauen mussten anschaffen gehen, um den nächsten Trip zahlen zu können. Das Dope brauchten sie, um das erbärmliche Leben auf der Straße durchzustehen.

Die Luden versprachen den Prostituierten Sicherheit. Schutz vor anderen Zuhältern. Schutz vor Freiern, die sie abzocken, vergewaltigen, misshandeln oder töten wollten. Aber auch das war in der Regel nur Theorie. Die Frauen blieben meist auf sich allein gestellt. Ihre vermeintlichen Beschützer lungerten derweil in den Foyers der Motels herum. Dort bewunderten sie gegenseitig ihre albernen Minipli-Frisuren, Adidas-Trainingsanzüge und Ledermäntel. Tagsüber pumpten sie sich die Muskeln im Fitnessstudio auf Arnold Schwarzenegger-Maß auf. Nachts versoffen sie die Kohle in den Spelunken auf dem Strip. Oder verballerten sie gleich am Spieltisch. Schatz, ich kann unsere Knete verdoppeln. Ach was, verzehnfachen, sag ich dir. Vertrau mir, Baby.

Niemand scherte sich um die Opfer

In den frühen 1980ern verdingten sich so annähernd 1.000 Prostituierte auf einem rund zehn Kilometer langen Straßenabschnitt. Der perfekte Jagdgrund für einen wie Gary Ridgway. In den Verhören drückte er es wie folgt aus: »Sie kennen einen nicht. Sie wissen nicht, wer man ist, wie man heißt. Und die Polizei gibt sich nicht so viel Mühe, wie wenn sie die Tochter eines Senators oder so jemand ist. Kapieren Sie? Und dann, wie die lebten. Die zogen ständig in der Gegend herum. Mal waren sie in der Stadt und dann in der nächsten. Immer woanders. Da wusste keiner so schnell, wo die jetzt umgebracht wurden.«

Die meisten Leser der Tageszeitungen von Seattle lebten in netten Vorortsiedlungen mit sauber gestutzten Vorgärten und properen Einfamilienhäuschen. Wenn sie die Geschichten über den Green River Killer und seine Opfer lasen, erinnerte sie das an einen Besuch im Zoo. Da streiften auch gefährliche Raubtiere herum. Aber dank der Käfige konnten sie ihnen nie bedrohlich werden. Denn die Ehefrauen und Töchter der Vorstädte gingen schließlich nicht auf den Strich. Sie besaßen keine Tattoos und schlechte Drogenangewohnheiten. Alleine die Fotos der Opfer, welche die Medien veröffentlichten, stigmatisierten die Frauen bereits in den Augen dieser Leute.

Meist stammten die Bilder aus Polizeiakten. Die künstlerische Gestaltung oblag dem Erkennungsdienst. Da blickten den Lesern der Tageszeitung am Frühstückstisch ausgemergelte, schlecht frisierte Frauengesichter entgegen, die Schminke von Tränen verwischt. Die Fotos zeigten Menschen, die Angst hatten. Die deprimiert, traurig, stumpf, trotzig, verzweifelt schauten. Die Aufnahmesituation ließ die Frauen älter wirken, als sie waren. Was für ein Kontrast zu den meist gleichaltrigen Töchtern, die den Eltern fröhlich und gesund von der Kommode mit den Familienfotos entgegenstrahlten. Diese Leserschaft befiel bei den Geschichten rund um die Green-River-Morde ein wohliger Schauer. Echtes Mitgefühl mit den Opfern empfanden die wenigsten.

Wie viele Frauen fielen Gary Ridgway zum Opfer?

Das zuständige Gericht verurteilte Gary Leon Ridgway wegen Mordes in 48 Fällen, zehn Jahre später kam ein 49. Mord hinzu. Gary Ridgway hatte zuvor in den Verhören gestanden, rund 75 Mädchen und Frauen umgebracht zu haben. Wie ist diese Abweichung zu erklären? Die Polizei fand nicht in allen Fällen eine Leiche. Zudem blieb Gary Ridgway in seinen Angaben stets schwammig, solange die Kriminalbeamten ihm eine Sache nicht hieb- und stichfest nachweisen konnten. Könnte so gewesen sein. Vielleicht habe ich. Aber nirgendwo ein Satz: Das habe ich getan. Dort habe ich es getan. Darum habe ich es getan.

Genau genommen waren viele seiner Geständnisse, für die er schließlich verurteilt wurde, keine lupenreine Beweise seiner Schuld. Klar, er behauptete, er habe die Frauen getötet. Doch das blieb nach wie vor eine Behauptung trotz unzähliger Fragen der Ermittler, wie sie zu Tode kamen. Denn seine Ausführungen unterfütterte Ridgway mit Details, die sich nicht mehr nachprüfen ließen. Es würde keine Zeugin auftauchen, die schwor: »Ja, ich habe Gary Ridgway an jenem Tag das Portemonnaie gestohlen.« Und genauso wenig ein Augenzeuge, der sich an einen Pick-up vor zwanzig Jahren »irgendwo bei Riverton« erinnerte. Gary Ridgway lieferte den Kriminalbeamten freiwillig nur das, was jeder schon in den Zeitungen gelesen hatte oder was die Polizei dank der Tatortspuren wusste. Und wenn man Ridgway zu der zentralen Frage nach dem Warum lenken wollte, dann verbuddelte er sich wie ein Aal im Schlamm.

Seine Aussagen ließen sich also oftmals nicht mehr überprüfen. Darüber hinaus erinnerte sich Gary Ridgway an kaum einen der Namen seiner Opfer. Es bleibt bis heute ein Rätsel, ob er sich nicht entsinnen konnte oder wollte. Letztendlich mangelte es den Beamten an konkreten Beweisen, um die Identität dieser übrigen 25 Mordopfer klären zu können. Die Probleme reichten noch weiter. Gary Ridgway schloss mit der Staatsanwaltschaft einen Deal. Dieser besagte, dass ihm bei einem umfassenden Geständnis die Todesstrafe erspart bliebe. Die Vereinbarung galt aber ausschließlich für Verbrechen, die Gary Ridgway im King County beging. Würden ihm in Zukunft Morde in anderen Bezirken nachgewiesen werden, drohte ihm ein neues Verfahren. Das hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verurteilung zum Tode zur Folge gehabt. Gary Ridgway war sich dessen bewusst. Etliche Kriminalbeamte halten es deshalb für möglich, dass er weitere Verbrechen verschwieg.

Das abrupte Ende der Mordserie

Gary Ridgway 2001

Gary Ridgway, November 2001
Quelle: King County Sheriff Department

Denn war es wirklich plausibel, dass der Green River Killer, der innerhalb von anderthalb Jahren rund 45 Frauen getötet hatte, nach 1984 nur noch eine Handvoll Morde beging? Gary Ridgway führte seine dritte Ehefrau als Grund an. Sie habe alles verändert. Sobald er bei ihr eingezogen sei, hätten sie fast die gesamte Freizeit zusammen verbracht. So habe er schon im buchstäblichen Sinne keine Zeit mehr zum Morden gefunden. »Also, ein anderer Grund war, dass ich mich um die Tiere kümmern musste. Wir hatten immer Tiere zu Hause. Hunde, Katzen und so. Das hat mich auch davon abgehalten. Und ich hatte Julie. Sie war total abhängig von mir.«

Randy Mullinax, einer der Kriminalbeamten, die Ridgway verhörten, hatte daran erhebliche Zweifel. »Moment mal, damit ich das richtig verstehe«, meinte Mullinax. »Du hattest jetzt Pfläumchen, den Pudel, und der verdammte Köter schleckt dir ein paar Mal durchs Gesicht und schon – bumm! – bist du geheilt von deinem Zwang, Prostituierte zu töten? Wir sollen dir das ernsthaft glauben, dass du plötzlich deinen Drang kontrollieren konntest, einfach so? Weil »Pfläumchen« mit dem Schwanz wedelte und weil zu Hause Julie auf dich wartete? Aber gleichzeitig bist du noch zu den Huren gelaufen, richtig?«

»Ich hab immer noch Huren getroffen, ja«, bestätigte Ridgway.

»Das ist, als würdest du dir eine Zigarette in den Mund stecken, sie aber nicht anzünden«, sagte Mullinax. »Ich glaub dir diesen Quatsch nicht.«

»Und nebenbei hatte ich das System besiegt. Das war gut. Das hat mir gefallen. Ich wusste, ich hatte gelesen, dass viele Mörder nicht aufhören konnten. Und ich hab es geschafft. Ich hab es euch gezeigt. Und ihr verschwendet bloß eure Zeit, wenn ihr versucht, mir noch andere Morde anzuhängen. Aber das war auch ein Grund. Es euch zu zeigen. Obwohl das nicht das Entscheidende war. Mir war klar, dass ihr trotzdem nicht aufhört, nach mir zu fahnden.«

»Warum, zum Henker, sollen wir glauben, dass Gary Ridgway plötzlich seinen Zwang kontrollieren konnte und eines Tages sagte: ‚Ich bin fertig, das war’s. Ich bring keine Huren mehr um. 63 ist mein absolutes Limit. Das war’s. Ich kann nicht mehr töten?‘«, fragte Mullinax.

Weitere ungeklärte Mordserien

Letzlich blieb dies bis heute eine unbeantwortete Frage. Allein im Bundesstaat Washington gab es seit 1985 151 ungelöste Morde, die Ähnlichkeiten mit der Green-River-Serie aufwiesen. Zudem gab es mehrere ungeklärte Mordserien in Tacoma (Washington), Portland (Oregon), San Diego (Kalifornien) und Vancouver (Kanada), die nach ähnlichem Muster abliefen. Randy Mullinax meinte dazu: «Ich glaube nicht, dass er sich nach 1984 die Opfer in einer anderen sozialen Gruppe suchte. Aber ich vermute, dass er hier und da ein paar Details an seinem Modus Operandi veränderte, um uns in die Irre zu führen. Wir Polizisten laufen häufig mit Scheuklappen herum. Wenn etwas nicht hundertprozentig ins Muster passt, dann schließen wir es aus. Und das hat er sich vielleicht zunutze gemacht.”

Auch Bob Keppel, der in den 1980ern als Berater der Green River Task Force fungierte, war überzeugt davon, dass Ridgway für weitaus mehr Morde verantwortlich war. «Die Medien haben sich diese Zahl von 48 oder 49 Opfern zusammengereimt und in die Welt hinausgetragen. Wenn man von den 48 eingestandenen Morden ausgeht, dann hat Ridgway ja nur innerhalb von zwei Jahren gemordet – abgesehen von den wenigen späteren Opfern. Mit Verlaub, aber das widerspricht jeder kriminalistischen Erfahrung, die wir in der Vergangenheit gesammelt haben. Nach Portland, Vancouver und Spokane ist es ein Katzensprung von Seattle aus. Seit 1984 sind dort noch rund 100 Fälle ungeklärt. Alle im Prostituiertenmilieu. Alle gleiches Tatschema. Denken Sie sich Ihren eigenen Teil.”

Ob er wirklich für all diese Morde verantwortlich war? Oder ob man sich nur einen Sündenbock herbeisehnte, dem man möglichst alle ungeklärten Fälle an der Westküste in die Schuhe schieben konnte? Gary Ridgway war ein Soziopath. Ein pathologischer, notorischer Lügner. Jemand, der den Ermittlern erzählte, was sie seiner Einschätzung nach von ihm hören wollten und was gleichzeitig seine Lage verbesserte. Und der viele seiner Geheimnisse für sich behielt. Es lässt sich schlichtweg nicht ausschließen, dass er weitaus mehr Verbrechen begangen hat, als bekannt wurden.

Alle Mordopfer im Bild, die Gary Ridgway nachweislich ermordete

Auf den folgenden Seiten habe ich die Namen und Bilder aller Opfer zusammengestellt, bei denen die Polizei davon ausgeht, dass sie von Gary Ridgway ermordet wurden. Ich habe die Übersicht nach dem Zeitpunkt des Verschwindens der Frauen geordnet, also dem vermutlichen Todeszeitpunkt.